Leben im Moor - Kultur der Vorzeit

Ausstellungen "Der Tempel im Moor" bzw. Opferplatz und Heiligtum - Kultur der Vorzeit in Norddeutschland

Vier bedeutende kanadische und europäische Museen präsentierten 2003-2006 eine der ersten internationalen Wanderausstellungen über archäologische Funde aus europäischen Mooren. Die Ausstellung "Der Tempel im Moor" ist ein gemeinsames Projekt des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover, des Canadian Museum of Civilization in Hull/Kanada, des Glenbow Museum in Calgary/Kanada und des Drents Museums in Assen/Niederlande. Die zahlreichen, einmaligen Funde in der Ausstellung sind Bestandteile der bedeutenden archäologischen Sammlungen des Drents Museums in Assen (NL) und des Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Ausgewählte Artefakte konnten zusätzlich von führenden Museen in Deutschland und Dänemark entliehen werden. Der Zeitbogen reicht dabei von der mittleren Steinzeit bis ins Mittelalter. Weit über 400 Fundstücke sind in der Ausstellung zu sehen: lederne Schuhe, wollene Kleidung, Goldmünzen und Bronzeschwerter, Keramikgefäße und Steinwerkzeuge. Bereits um die Jahreswende 2000/2001 hatte das Museum für Vor- und Frühgeschichte in Frankfurt mit der Ausstellung "Opferplatz und Heiligtum - Kultur der Vorzeit in Norddeutschland" bedeutende Quellen prähistorischer Religion in Norddeutschland gezeigt, zwischen dem Main im Süden und dem Kattegat im Norden, von der Jungsteinzeit im 3. Jahrtausend v. Chr. bis in die Anfänge des Christentums im 7./8. Jh. Ausstellung über.

Foto: National Museum of Scotland

Religion und Glaubenswelt der vorgeschichtlichen Menschen in Mittel- und Nordeuropa sind uns bisher weitgehend verborgen geblieben. Da die Notizen antiker Autoren wie Tacitus die Kulte nur am Rande erwähnen, stützen sich unsere Kenntnisse vor allem auf die Grabungsergebnisse der letzten Jahrzehnte und die bekannten Heiligtümer wie z.B. Stonehenge, das mehr als 2000 Jahre lang bis in die jüngere Bronzezeit als sakrales Zentrum diente. Neben den Steinkreisen gab es auch eine größere Zahl von hölzernen Kreisanlagen wie die des niedersächsischen Westerholt. Aufgrund von  Restfunden von Dach und Pfosten bei Bargeroosterveld in der niederländischen Provinz Drenthe konnte ein solcher Tempel im Modell rekonstruiert werden. (Bild rechts) Dazu kommen zahlreiche Höhlen, die z.B. im niedersächsischen Bergland über Jahrhunderte hinweg von Menschen aufgesucht wurden und als Zugang zur Unterwelt und chtonischen Mächten angesehen wurden. Hier besteht eine Parallele zum antiken Griechenland, wo es ähnlich genutzte Höhlen in der Akropolis gab. Fernab vom Tageslicht wurden kultische Mahlzeiten abgehalten, Gaben dargebracht und auch Menschen geopfert. Eine weitere Opferstätte waren Gewässer und Moore. So berichtet Tacitus, dass die Germanen nach einem Sieg die Ausrüstungen gegnerische Heere ihren Kriegsgöttern weihten und vollständig vernichteten, indem sie diese ins Moor warfen. Mehrere Fundstätten dieser Art wurden in Dänemark und Südschweden entdeckt, bei denen auch Gefäß-, Tier- und Menschenopfer dargebracht wurden.

Die Frankfurter Ausstellung zeigte auch mehrere Holzfiguren, die als Idole im Sinne eines religiösen Kultbildes im Zusammenhang mit vor- und frühgeschichtlichen Opferhandlungen standen. Auch die bei Nebenstedt (Ldkr. Dannenberg) gefundenen Anhänger aus dünnem Goldbleche zeigen mythologische Szenen. Tacitus war noch davon ausgegangen, dass die Germanen ihre Götter nicht in menschlicher Gestalt abbilden würden. Hier besteht eine Parallele zum antiken Griechenland, wo es ähnlich genutzte Höhlen in der Akropolis gab. Fernab vom Tageslicht wurden kultische Mahlzeiten abgehalten, Gaben dargebracht.

Eine weitere Opferstätte waren Gewässer und Moore. So berichtet Tacitus, dass die Germanen nach einem Sieg die Ausrüstungen Fundstätten dieser Art wurden in Dänemark und Südschweden entdeckt, bei denen auch Gefäß-, Tier- und Menschenopfer dargebracht gegnerische Heere ihren Kriegsgöttern weihten und vollständig vernichteten, indem sie diese ins Moor warfen. Mehrere Fundstätten dieser Art wurden in Dänemark und Südschweden entdeckt. 

Goldschmuck aus der Bronzezeit Fundstätte: Lorup, Ldkr. Emsland. (Foto: Niedersächsisches Landesmuseum Hannover)

Fibeln, Münzen und Gefäße aus der Eisenzeit. Fundstätte: Quelle bei Bad Pyrmont, Ldkr. Hameln-Pyrmont. (Foto: Museum im Schloss, Bad Pyrmont).

Erntedank in der Jungsteinzeit? Fundstätte: Gingst, Kreis Rügen. (Foto: Niedersächsisches Landesmuseum Hannover.

Umhangreste der Moorleichenfunde im Huntemoor

In diesem Zusammenhang sind auch die bisher ca. 1000 gefundenen Moorleichen zu sehen, die im Rahmen ritueller Opferungen oder als Strafe getötet wurden. Die neuen Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein Großteil der archäologischen Funde aus Mooren absichtlich dort deponiert worden sind – etwa als Opfergaben für die Götter. Bereits Tacitus schrieb: "Verräter und Überläufer hängen sie an Bäumen auf, Feiglinge und Zage und an ihrem Leib Geschändete versenken sie im Kot und Sumpf, wobei sie noch Flechtwerk darüber decken." 1949 wurden beim Torfstechen im Großen Moor bei Hunteburg (Ldkr. Osnabrück) zwei männliche Moorleichen entdeckt, die jeweils mit einem kostbaren Umhang bekleidet waren. 

Der „Rote Franz"

In der Frankfurter Ausstellung waren neben einer aus der Eisenzeit stammenden männlichen Moorleiche (Bourtangermoor/Niederlande) der sogenannten "Kopf von Osterby" zu sehen eines etwa 60jährigen Mannes mit einem „suebischen" Haarknoten zu sehen, der einem ca. 60jährigen Mann abgeschlagen worden war. Zwei besonders beeindruckende Beispiele hierfür finden sich in der neuen Ausstellung: das 16jährige Mädchen aus Yde in den Niederlanden und der „Rote Franz“, ein erwachsener Mann aus Niedersachsen. Beide starben in den ersten drei Jahrhunderten nach Christi Geburt. Während der vergangenen Jahre haben wir in vielen Bereichen entscheidende neue Erkenntnisse über das prähistorische Europa gewonnen“, so Dr. Stephan Veil, stellv. Abteilungsleiter der Urgeschichtsabteilung im Landesmuseum Hannover. Durch gerichtsmedizinische Untersuchungen und neue wissenschaftliche Techniken können wir heute nicht nur das Alter, Geschlecht, sondern auch die Haut-, Augen- und Haarfarbe sowie der Gesundheitszustand der sogenannten Moorleichen Nordwesteuropas bestimmen. Sogar die letzte Mahlzeit lässt sich oft noch rekonstruieren.

Speziell für diese Ausstellung werden die Gesichtszüge einer fast 2000 Jahre alten Moorleiche aus dem Landesmuseum Hannover rekonstruiert werden, die vor über 100 Jahren in Neu Versen (Landkreis Emsland) gefunden worden war und aufgrund der leuchtend roten Kopf- und Barthaare als "roter Franz" bekannt ist. Ungeduldig wurde das Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchungen des Instituts für Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover erwartet. Prof. Dr. med. Hans Tröger und Dr. med. Detlef Günther fanden Indizien dafür, dass dem Mann die Kehle durchgeschnitten wurde. Zwar war die Haut durch die lange Lagerung im Moor und die anschließende Trocknung stark verformt, doch fanden die Wissenschaftler Hinweise, dass sie im Halsbereich zerschnitten wurde. Darüber hinaus zeigt das linke Schlüsselbein eine Verletzung, die von einer Klinge herrühren könnte. Beide Beobachtungen zusammen sprechen für einen tödlichen Kehlschnitt. Veränderungen der Oberschenkel, die der Düsseldorfer Moorleichen-Experte Dr. Peter Pieper festgestellt hat, weisen darauf hin, dass der Mann viel geritten ist. Möglicherweise hat er sich bei einem Sturz vom Pferd das Schlüsselbein gebrochen. Bei der Beschädigung des rechten Schultergelenkkopfes könnte es sich um eine Kriegsverletzung handeln: Wurde der Rote Franz hier von einem Pfeil oder Speer getroffen? Das Alter des Mannes schätzt Dr. Pieper auf 25 bis 30 Jahre, seine Körpergröße rekonstruiert er mit 1,80 bis 1,85 m. Welche Haarfarbe der Rote Franz ursprünglich hatte, ist noch unbekannt denn das Namen gebende Rot der Haare ist das Ergebnis der langen Lagerung im Moor! Mit Hilfe der 14C-Analyse (C14-Analyse, Radiokarbon-Methode) konnte außerdem festgestellt werden, dass der Mann in der jüngeren Römischen Kaiserzeit (200400 n.Chr.) gelebt hat, am wahrscheinlichsten zwischen 252 und 296 oder 316 und 388 n.Chr. Eine Rekonstruktion des Gesichts ermöglicht den Besuchern des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover eine lebendige Vorstellung vom Aussehen des Rote Franz“. Dazu wurde der Leichnam bereits im CT-Scanner der MHH untersucht. Auf der Basis dieser Messergebnisse wurden Schädelmodelle angefertigt, die wiederum den Ausgangspunkt für die wissenschaftlich exakte Gesichtsrekonstruktion des Rote Franz bilden. Obwohl sich zu der Moorleiche keine Beifunde erhalten haben, kann man die Erscheinung des Mannes durch zeitgleiche Grabbeigaben relativ gut erschließen. Vermutlich trug der Mann eine Hose und ein kittelartiges Oberteil. Die übliche Bewaffnung bestand aus einem Schild und einer Lanze. Wohlhabende Krieger führten auch ein Schwert. Gelebt hat er außerhalb des Moores wahrscheinlich in einer weilerartigen Siedlung mit Häusern, in denen Mensch und Vieh unter einem Dach lebten. Zu welchem Stamm der Rote Franz gehört hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Die naturwissenschaftlichen und medizinischen Untersuchungen am Rote Franz haben zahlreiche neue Erkenntnisse gebracht. Sie können jedoch die Frage, warum und unter welchen Umständen dieser Mensch ins Moor gekommen ist, nicht beantworten. Ist er im Krieg gefallen? Ist er Opfer eines Mordes geworden? Oder ist er aus religiösen Gründen im Moor geopfert worden? Durch die neuen gerichtsmedizinischen Untersuchungen konnte jedoch eine These nahezu ausgeschlossen werden: Der Rote Franz ist kein Unfallopfer!

In der Jungsteinzeit wurde dieser Weg aus Holz angelegt. Campermoor, Ldkr. Vechta. (Foto: Niedersächsisches Landesmuseum Hannover)

Die Ausstellung "Der Tempel im Moor" beschränkte sich aber nicht nur auf  Religion und  Kult der im und am Moor lebenden Menschen, sondern stellte auch das Alltagsleben dar. So fand man in den letzten Jahren u.a. einen steinzeitlichen Knüppeldamm bei Campermoor (Ldkr. Vechta) und beim niederländischen Pesse einen hölzernen Einbaum, der mit der C14-Methode auf die Zeit zwischen 8040 und 7510 v. Chr. datiert werden konnte. „Dies ist das älteste bekannte Boot der Welt“ erläutert Jaap J. Brakke, Oberkustos am Drents Museum.  „Sein Zustand zeigt die außerordentlichen Erhaltungsbedingungen, die im Moor gegeben sind. Im vergangenen Jahr konnte eine authentisch mit prähistorischen Techniken hergestellte Replik des Bootes zu Wasser gelassen werden. So erlebten die Wissenschaftler am eigenen Leibe, wie so ein Boot auf dem Wasser gesteuert und wie es zum Fischen und Jagen benutzt werden kann.“ „Die botanische Natur der Moore und ihre chemischen Eigenschaften, welche Fundstücke bewahrt haben, die unter normalen Bedingungen längst vergangen wären, ist ein wesentlicher Teil der Ausstellung“, erklärt Jaap Brakke.

„Als Jaap Brakke dem Canadian Museum of Civilization und dem Glenbow Museum im Jahre 1998 die Partnerschaft anbot, waren beide kanadische Museen begeistert von der Idee, an diesem einzigartigen internationalen Projekt mitzuarbeiten“, so Sylvie Morel, Generaldirektorin des Bereichs „Ausstellungen und Programme“ im Canadian Museum of Civilization in Hull/Ottawa. „Die Chance, dem kanadischen Publikum eine solch reiche Kollektion archäologischer Originalfunde zu zeigen – und dabei gleichzeitig die Bedeutung der Entdeckungen in den Mooren Europas zu vermitteln – konnten wir uns nicht entgehen lassen. Diese gemeinschaftliche Unternehmung wird drei Ländern die Möglichkeit geben, teilzuhaben an dem reichen Informationsschatz über die Moor-Funde. Besucher werden die fesselnden Geschichten der Menschen, die mit und bei den Mooren lebten, entdecken können.“„Eine Partnerschaft dieser Dimension gibt uns die Möglichkeit, mit Museumsexperten und Archäologen aus Europa zusammenzuarbeiten und von ihnen zu lernen“, schwärmt Heinz Reese, stellvertretender Direktor des Bereichs „Programm- und Ausstellungsentwicklung“ im Glenbow Museum. „Unser Ziel war, eine bedeutende Wanderausstellung zu entwickeln, die Besuchern in Europa und Kanada einen lebendigen Eindruck von den Moor-Opfern und der Lebensweise der prähistorischen Menschen in Nordwesteuropa gibt. Die Beachtung, die diese Ausstellung an ihren einzelnen Stationen erfährt, wird allen vier Museen zugutekommen.“

Quellen: Presseveröffentlichungen des Museums für Vor- und Frühgeschichte Frankfurt bzw. des Niedersächsischen Landesmuseums Hannover